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Nutzerzentrierte Entwicklungsmethoden
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Natalie Röll

 

Entwicklungsmethoden und Vorgehensmodelle mit dem Living Lab Ansatz

 

Im Rahmen dieses Beitrags werden Living Lab-Ansätze als Entwicklungsmethodik im AAL-Kontext vorgestellt. Dies beinhaltet die Entwicklung eines Vorgehensmodells sowie die Darstellung von besonderen Rahmenbedingungen, die Entwicklungsmethoden im Anwendungsbereich AAL erfüllen müssen.

 


Inhalt

Motivation und Probleme mit herkömmlichen Entwicklungsmethoden

Einsatzmöglichkeiten für Living Labs

Unterschiede zu Living Labs aus anderen Anwendungsbereichen

Besonderheiten des Anwendungsfeldes AAL

Fazit

Literatur


 

Besonders im Anwendungsbereich AAL ist es wichtig, die Anwender frühzeitig und über den gesamten Innovations- und Entwicklungsprozess von Produkten oder Dienstleistungen einzubeziehen, da gerade Senioren meistens zu den technikunerfahrenen Menschen gehören. Living Labs sind ein Ansatz, mit dem neue Technologien unter Beteiligung von Anwendern entwickelt, getestet und evaluiert werden können.

 

Motivation und Probleme für herkömmliche Entwicklungsmethoden

Damit neu entwickelte Technologien, welche die Anwender bei alltäglichen Situationen oder Aktivitäten unterstützen sollen und mit denen sie folglich ständig in Kontakt sind, auch akzeptiert werden, sollte die Technologie unter Berücksichtigung der Bedürfnisse, Anforderungen und Wünsche der Anwender entwickeln werden. Durch eine methodische Herangehensweise kann sich, insbesondere im AAL-Umfeld, eine neue Technologie bzw. Anwendung auf dem Markt erfolgreich durchsetzen und Wert schaffen.

 

Forschung im AAL-Umfeld bietet hierzu in vielerlei Hinsicht besondere methodische Herangehensweisen: Die im Anwendungsfeld AAL existierenden komplexen Szenarien erfordern insbesondere die Integration vielfältiger Technologien von Mikrosystemtechnik durch prozessorientiertes Arbeiten und bedürfen somit meist schon auf technischer Ebene interdisziplinäre Forschungsteams [1].

 

Einsatzmöglichkeiten für Living Labs

Ein Living Lab ist eine realitätsnahe Forschungs- und Entwicklungsumgebung. Abbildung 1 stellt das Konzept von Living Labs modellhaft als Haus dar. Dessen Fundament bilden die täglichen Aufgaben aus Forschung und Entwicklung sowie das Netzwerk aus Unternehmen, Anwendern und weiteren Interessengruppen. Die Methoden zur ganzheitlichen Integration der Netzwerkmitglieder in den gesamten Entwicklungsprozess verkörpern die Grundmauern. Ganzheitliche Integration bedeutet, dass Mitglieder des Netzwerkes nicht nur als Wissenslieferanten fungieren, sondern direkt mitwirken und maßgeblich an der Entwicklung und deren Fortschritt beteiligt sind. Das Dach symbolisiert das Ziel eines Living Labs: nachhaltigen Wert schaffen.


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Abbildung 1: Darstellung des Begriffs Living Lab

 

Welche Form ein Living Lab annimmt, ist stark von der jeweiligen Branche abhängig, für die es eingesetzt wird. Im Anwendungsfeld AAL ist es meistens eine Senioren-Wohnung mit zwei Zimmern, Küche und Bad. Im Anwendungsfeld Automotive kann es ein Auto sein, bei Sozialer Interaktion beispielsweise ein Wohnzimmer. Es kann aber auch eine ganze Stadt als Lab dienen, wie es beispielsweise bei der österreichischen Stadt Schwechat der Fall ist.

 

Die Nutzerintegration ist ein wichtiger Bestandteil des Living Lab Konzeptes und sollte kontinuierlich von der Ideenfindung bis zur Evaluation eines Produktes oder einer Dienstleistung stattfinden. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass sich das Produkt oder die Dienstleistung in die richtige Richtung entwickelt. Das heißt, dass sich die Entwicklung durchgehend und maßgebend an den Anforderungen, Bedürfnissen und Wünschen der Anwender orientiert.

 

Die Integration von Anwendern ist ein facettenreiches Themenfeld und eine zentrale Eigenschaft von Living Labs. Die Nutzerintegration sollte bis zu einem gewissen Grad in standardisierten Verfahren ablaufen, mit denen gute Ergebnisse erzielt werden können. Das gestaltet den Entwicklungsprozess (vgl. Abbildung 2) effizienter und vermeidet Kosten, die bei einer späteren Aufdeckung und Behebung der Abweichung entstehen würden [2].


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Abbildung 2: Allgemeiner Entwicklungsprozess eines Produktes

 

Nach Durchführung einer Literaturrecherche zu den Themen Nutzerintegration und Vorgehensmodelle bei der Entwicklung von AAL-Lösungen, wurden die Betreiber von elf Living Labs interviewt. Sieben der befragten Living Lab Betreiber stammen aus dem Umfeld von AAL, die Übrigen aus den Sektoren Energie, Social Media, Visualisierung und Simulation sowie Automotive zusammen mit mobiler IT und Navigation. Wie das Verhältnis der Zahlen schließen lässt, liegt der Fokus der Untersuchung auf AAL.

 

Ziel der Befragung war es, herauszufinden, welche Methoden zur Nutzerintegration in den einzelnen Entwicklungsphasen tatsächlich angewendet werden, ob es standardisierte Verfahren zur Anwendungsfallentwicklung gibt und welche Gestalt diese in der Praxis annehmen. Als Ergebnis der Recherche und der Interviews konnte ein allgemeines Vorgehensmodell erstellt werden, das auf anwendbare Methoden in der jeweiligen Entwicklungsphase verweist (Abbildung 3).

 

Vorgehensmodell zur Anwendungsfallentwicklung

Um die Anwender in die Ideengenerierung für Anwendungsfälle zu integrieren, wenden die Betreiber der befragten Living Labs unterschiedliche Methoden und Tools an. Bevor Anwender und Interessengruppen eingebunden werden können, müssen sie akquiriert werden. In allen Living Labs, die bereits ein Netzwerk um sich herum aufgebaut haben, werden die Teilnehmer über dieses Netzwerk rekrutiert. Ansonsten kann dies über Ausschreibungen oder über das Ansprechen einer professionellen Institution aus dem Bereich der Pflege, wie beispielsweise eines Pflegeheims, stattfinden.

 

Das in Abbildung 4 dargestellte Vorgehensmodell zur Anwendungsfall-Entwicklung ist in zwei Phasen aufgeteilt. Zunächst die Ideenfindung, und anschließend die Konzeptentwicklung. Die Schritte des Vorgehensmodells sind nachfolgend erläutert.

 

Abbildung 3 erläutert die Elemente, die in dem nachfolgenden Vorgehensmodell verwendet werden. Die in den einzelnen Schritten anwendbaren Methoden sind jeweils als Notizen aufgelistet und werden nachfolgend im Abschnitt Methodenauswahl (Tabelle 1) erläutert.


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Abbildung 1: Beschreibung der Modelelemente

 

Angeschlossen an das Aufbauen der Domänenkentnisse, wird die Zielgruppe des Projektes festgelegt: Primary, Secondary oder Tertiary User. Primary User sind die Pflegebedürftigen, Secondary User stellen Ärzte, Pflegekräfte und weitere Dienstleister dar, und unter Tertiary User werden Selbsthilfegruppen, Seniorencafés, Angehörige zusammengefasst. Gemeinsam mit der ihnen werden mittels diverser Methoden Informationen über die Zielgruppe gesammelt um sie anschließend zu aggregieren. Wichtig ist hierbei außerdem die Visualisierung der Ideen. Da AAL-Technologien häufig sehr abstrakt sind, sollten sie beispielsweise in Form von Mockups oder Bildergeschichten dargestellt werden. Bei der Bewertung, also der Evaluation, einer Idee, zum Beispiel innerhalb einer Diskussionsrunde, kann es sein, dass diese Idee als verbesserbar evaluiert wird. Ein Grund kann die mangelnde Reife der Anwendungsfallidee an sich sein. Ein weiterer Grund kann sein, dass die Anwendungsfallidee nur auf einen bestimmten Personenkreis innerhalb der Zielgruppe zugeschnitten ist. In diesem Fall wird eine Spezifizierung bzw. Fokussierung der Zielgruppe vorgenommen. Wurden beispielsweise bisher überwiegend die Secondary User betrachtet, beschränkt man sich aufgrund der Spezifizierung beispielsweise auf die stationär arbeitenden Pflegekräfte in Pflegeeinrichtungen.


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Abbildung 4: Vorgehensmodell zur Anwendungsfall-Erstellung

 

Der zweite Schritt der Konzeptentwicklung bedeutet eine Konkretisierung der vorangegangenen Ideenentwicklung. Bezogen auf die gewählte Idee müssen Anforderungen erhoben werden. Dies kann besonders gut durch Interviews oder die NAU-Methode erfolgen. Bevor die Entwickler sich an die Umsetzung der Konzepte machen sollten die Anforderungen nach verschiedenen Kriterien wie beispielsweise Designaspekte, oder Funktionen gegliedert werden. Dies ermöglicht eine übersichtlichere Umsetzung. Wie auch in der ersten Phase sollte darauf geachtet werden, dass die entwickelten Konzepte leicht zu visualisieren sind um sie besser evaluieren zu können. Während der Entwicklung der Anwendungsfälle können dieselben Anwender, Personen des Umfelds oder Experten involviert werden. Ein Wechseln der Teilnehmer kann allerdings Voreingenommenheit oder Betriebsblindheit vermeiden und ermöglicht das Einbeziehen mehrerer Sichtweisen. Eine Fokussierung der Zielgruppe während des Vorgehens führt möglicherweise zu einem zwangsläufigen Wechsel der Teilnehmer. Ein Workshop kann mit jeder einzelnen Personengruppe oder mit Vertretern aus jeder Personengruppe gemischt durchgeführt werden. Aus Interviews ist bekannt, dass gemischte Workshops in der Regel gute Ergebnisse liefern, wenn die Beteiligten vorher einheitliche und für die Anwendergruppe verständliche domänenspezifische Begriffe und Formulierungen für technische Beschreibungen gefunden werden. Die gemeinsame Sprache fehlt vor allem zwischen Entwicklern und technikunerfahrenen Personengruppen. Das bedeutet, die Entwickler sollten sich zusammen mit den anderen Projektmitgliedern Domänenkenntnis und zielgruppenspezifisches Wissen aneignen und stets bewusst auf ihre Wortwahl während der Workshops achten. Auf diese Weise werden mehrere Perspektiven in einem Workshop einbezogen. Die Dauer eines Workshops ist abhängig von den zu erreichenden Zielen. Möchte man nur Ideen für Anwendungsfälle finden, reicht üblicherweise ein halber Tag aus. Plant man weitere Schritte ein, kann ein Workshop durchaus einen ganzen Tag in Anspruch nehmen. Allerdings kann es möglicherweise für eine einzelne Zielgruppe, wie Angehörige und Pflegepersonal, ein Problem darstellen, sich einen ganzen Tag Zeit zu nehmen.

 

Es ist ratsam, zum Abschluss dieses Vorgehen zu reflektieren und gute sowie schlechte Erfahrungen festzuhalten, um sie in den folgenden Projekten zu berücksichtigen. Zur Bewertung einzelner Methoden können auch die Teilnehmer durch einen sehr kurzen Fragebogen nach ihrer Meinung und nach Verbesserungsvorschlägen gefragt werden. Auf diese Weise kann jedes Living Lab das Vorgehen und die Methoden auf das eigene Umfeld abstimmen und optimieren

Methodenauswahl

Zur Integration von Anwendern existieren diverse Methoden. Tabelle 1 zeigt eine Übersicht darüber, welche Methoden allgemein in den Phasen Produkt/Service Idee und Produkt/Service Konzept des Entwicklungsprozesses angewandt werden können.

 

Interviews

• Sammeln von benötigten quantitativen oder qualitativen Informationen.

Fokusgruppen

• Gruppe von Personen, die benötigte Informationen liefern kann. Die Gruppe wird in einer gemeinsamen Runde offen zu einem Thema befragt.

Story-Telling

• Erfahrungen und allgemeines Wissen werden in einer Geschichte veranschaulicht.

Alltagsbesuche/ Beobachtung

• Beobachtung von Zielpersonen in ihrem Alltag, um detaillierte, unverfälschte Ablaufbeschreibungen zu erhalten, die später auf Probleme analysiert werden.

Walt-Disney-Methode

• Kreativtechnik

• 3, 6, 9, oder 12 Anwender und/oder Entwickler, 12 bis 30 Minuten.

• Dient der Entwicklung kreativer oder realistischer Ideen.

• Gruppe wird in „Träumer“, „Realisten“ und „Kritiker“ eingeteilt, wobei jeder wechselnd jede Rolle einmal spielt.

6-3-5 Methode

• Kreativtechnik

• 5 bis 10 Zielpersonen, 30 bis 60 Minuten

• Dient der schnellen, gemeinsamen Entwicklung von Ideen.

• Optimaler Weise schreiben sechs Teilnehmer je drei Ideen unter Zeitvorgabe auf und reichen das Blatt an den Nachbarn weiter. In fünf Runden werden die Ideen der Nachbarn weiterentwickelt und weitergegeben. Haben alle Ideenblätter die Runde gemacht, werden sie offen diskutiert.

Galeriemethode

• Kreativtechnik

• 4 bis 8 Zielpersonen, 15 bis 90 Minuten

• Dient der schnellen, visuellen, gemeinsamen Entwicklung von Ideen.

• Jeder Teilnehmer zeichnet seine Idee auf ein großes Papier und reicht sie nach kurzer Zeit weiter, damit der Nachbar sie zeichnend weiterentwickeln kann. Man reicht sie so lange weiter, bis jeder jede Idee erweitert hat. Dann wird über die Ideen diskutiert.

Mockups

• Von Anwendern ein Modell für Darstellungszwecke (Screenshots, Skizzen, usw.) erstellen lassen, Design und Funktionen extrahieren.

Scenario Building

• Ideen konkretisieren und zwischen verschiedenen Stakeholdern kommunizierbar machen, Feedback einholen.

Auswahlliste

• Evaluationsmethode

• 1 bis 20 Zielpersonen, 10 bis 60 Minuten

• Dient der Auswahl der am besten geeigneten Ideen und Konzepte.

• Teilnehmer füllen ein Formular aus. Dabei bewerten sie die Ideen nach vorgegebenen Kriterien, können aber auch Alternativen und weitere Kriterien angeben. Schließlich werden die ungeeignetsten Ideen ausgeschlossen.

NAU- Analyse

(Nutzer-Aufgabe-Umgebung)

• Analysemethode

• 1 bis 12 Zielpersonen, 60 bis 120 Minuten • Dient der Identifikation der aus Nutzereigenschaften, dem Arbeitsprozess und den Umgebungsbedingungen resultierenden Anforderungen. • Teilnehmer füllen ein Formular mit Feldern wie „Nutzer“, „Aufgabe“, „Umgebung“ aus und beschreiben Mensch-Produkt-Interaktion. Interaktionsformen werden analysiert und daraus Anforderungen extrahiert.

Nutzwertanalyse • Evaluationsmethode

• Anzahl der Testpersonen nach eigenem Ermessen, 5 bis 10 Minuten pro Person

• Dient der Bewertung von Ideen oder Konzepten im Detail.

• Testperson gewichtet und bewertet die zuvor vom Testleiter festgelegten Kriterien eines vorgestellten Produktes/Konzeptes. Aus dieser Gewichtung und Bewertung kann der Nutzwert berechnet werden.

Tabelle 1: Beschreibung der möglichen Methoden des Vorgehensmodells


Markteinführung mit Business Model Engineering

Living Labs werden insbesondere im Forschungsbereich AAL als Open Innovation Netzwerke bezeichnet, sie dienen also dazu in den Innovationsprozess externe Wissensquellen zu integrieren [3]. Das heißt, dass jeder, der Interesse daran hat sich an Innovation zu beteiligen, sein Wissen einbringen kann. Open Innovation kann jede Phase des Innovationsprozesses unterstützen, also auch die Ideengenerierung für neue Produkte und Dienstleistungen und deren Umsetzung. Außerdem bietet die Kundenorientierung des Open Innovation einen großen Vorteil, da Kunden am besten wissen, was sie später auch kaufen würden [4].

 

Eines der Ziele der Unternehmen, die mit Living Labs in ihrem Netzwerk zusammenarbeiten, ist es, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Geschäftsmodelle können auch zu einem Ziel für das Living Lab an sich werden. Service- und Geschäftsmodelle werden jedoch ausschließlich von Netzwerkpartnern und nicht von dem Living Lab selbst umgesetzt. Das Living Lab unterstützt lediglich diesen Prozess.

 

Besonders im Anwendungsbereich AAL sind neue Geschäftsmodelle wichtig, da eine neue Technologie alleine den Anwendern nicht unbedingt weiterhilft. Sie ist erst dann nützlich, wenn sie in einen entsprechenden Kontext, z.B. ein Service-Modell, eingebunden wird. Es müssen somit weitere Interviews mit potentiellen Kunden geführt werde, um Informationen wie beispielsweise zur Kaufbereitschaft, der Zahlungsbereitschaft und den Vertriebskanälen zu sammeln. Anhand dieser Daten werden wieder Szenarien erstellt, so genannte Kundenszenarien, damit die Geschäftsmodelle besser zu kommunizieren sind.

 

Unterschiede zu Living Labs aus anderen Anwendungsbereichen

Bei Befragungen von Betreibern von Living Labs anderer Anwendungsbereiche wurde ein Schwerpunkt auf die Bereiche Automotive, Energie und Social Media gesetzt. Insgesamt lässt sich sagen, dass man Living Labs anderer Anwendungsbereiche sehr schlecht mit Living Labs aus dem Anwendungsbereich AAL vergleichen kann. Living Labs aus anderen Anwendungsbereichen verwenden deutlich weniger nutzerintegrierende Methoden als Living Labs aus dem Anwendungsbereich AAL.

 

Dies liegt vor allem an dem Alter der Endnutzer. Für ältere und evtl. behinderte Menschen müssen die Methoden spezifischer beschrieben werden. Ein Beispiel hierfür ist das Invitu Feedback Tool, welches das Social Media Living Lab (SMEDL) der Universität Siegen verwendet. Es handelt sich um ein Tool, welches die Endnutzer von zu Hause über ihr Mobiltelefon steuern können. Mit diesem Tool können die Anwender unter anderem auch Screenshots erstellen. Die Daten aus diesem Tool werden direkt auf einem Server gespeichert, so dass das Living Lab jederzeit darauf zugreifen kann Für dieses Tool benötigt man Anwendungskenntnisse über Mobiltelefone bzw. Touchscreen-PCs. Da dies beim größten Teil älterer Menschen nicht der Fall ist, ist es sehr schwierig dieses Tool für AAL Bereiche zu verwenden. Lediglich die Nutzung von Showrooms und die Verwendung von Fragebögen und Interviewmethoden können zwischen unterschiedlichen Bereichen verglichen werden.

 

Außerdem werden in anderen Anwendungsbereichen, wie beispielsweise Automotive, anstatt Endanwender Unternehmen bzw. Hersteller in den Entwicklungsprozess involviert. Wenn nur Hersteller involviert werden, kann daraus resultieren, dass die entwickelten Technologien, wie in der Automotive Branche, die Hauptfunktion und damit den gewohnten Einsatz nicht merklich verändern oder bei einem Kauf des Produktes nicht automatisch enthalten sein müssen. Bei AAL dagegen ist es sehr wichtig, den Endanwender mit seinen, durch das Vorgehensmodell beschriebenen, wohldefinierten Anforderungen, Bedürfnissen und Wünsche zu integrieren. Mit steigendem Erfüllungsgrad dieser Anforderungen, Bedürfnisse und Wünsche steigt auch die Akzeptanz für eine Technologie, die den Alltag beeinflussen kann, und somit letztendlich die Chance auf deren Markterfolg.

 

Allerdings zeigte sich, dass AAL Living Labs bei der Umsetzung von Nutzerintegrationsmethoden deutlich visuellere Umsetzungen wählen. Bei unterstützenden Tools setzen AAL-Living Labs Techniken wie Mockups zur Visualisierung ein. Die Mehrheit der anderen Living Labs verzichtet darauf. Dies ist darauf zurückzuführen, dass in AAL Anwender involviert werden, für die domänenspezifische Begrifflichkeiten und Technologien nicht selbsterklärend sind. Visualisierende Tools können diese Barrieren überwinden und eine Thematik für jeden verständlich darstellen. In den anderen Bereichen ist dies häufig nicht notwendig, da der involvierte Personenkreis mit der Thematik zumindest grundlegend vertraut ist oder sogar aus demselben Bereich stammt.

 

Besonderheiten des Anwendungsfeldes AAL

Datenschutz

Datenschutz spielt in der heutigen Gesellschaft fast immer eine Rolle, also auch in Living Labs. Rost [5] stellt fest, besonders „AAL stellt eine der bislang größten Herausforderungen an den Datenschutz überhaupt dar (siehe auch Artikel Datenschutz ), weil AAL, bei allen damit einhergehenden Wohltaten für den Einzelnen, auf die Vermessung des privaten Kernbereichs von Menschen hinausläuft“. Zur Vermessung, also der Erfassung des Privaten, werden Systeme eingesetzt, die den zu unterstützenden Menschen ständig beobachten, dabei beliebige Daten (Aktivitäts-, Vital-, Verhaltensdaten oder Ähnliche) sammeln und gegebenenfalls lebensrettende Maßnahmen auslösen sollen. AAL-Systeme müssen folglich bestimmten Datenschutzrichtlinien entsprechen und gewisse Bedingungen erfüllen, so dass Menschen ihnen Vertrauen entgegenbringen können und sich in ihre Obhut begeben. Um diesen Kriterien zu genügen, muss ein AAL-System so genannte Schutzziele erfüllen. Zudem muss der Betroffene ausreichend über die entsprechenden Datenschutzbestimmungen des AAL-Systems aufgeklärt sein und hierzu sein Einverständnis schriftlich erklären.

 

Die Schutzziele [5] des Datenschutzes sind:

 

Verfügbarkeit Der Ausfall eines Systems, und somit die Nichtverfügbarkeit der Daten, muss unwahrscheinlich sein, je lebenswichtiger die Funktion, desto unwahrscheinlicher muss der Ausfall sein
Integrität Personenbezogene Daten bleiben während der Verarbeitung unversehrt, vollständig und aktuell von Nebenwirkungen
Vertraulichkeit Nur Befugte können personenbezogene Daten zur Kenntnis nehmen
Transparenz Jederzeit Kenntnis darüber, welche Daten erhoben, von wem und warum sie ausgewertet, wie sie verarbeitet werden und wem sie gehören
Nichtverkettbarkeit Sicherstellung der Datenerhebung und Auswertung ausschließlich für den bestimmten Zweck
Intervenierbarkeit Selbstbestimmung des Betroffenen (solange angemessen) darüber, was, wann und wie viel beobachtet wird

Tabelle 2: Schutzziele nach Rost [5]

 

Doch nicht nur für die fertigen AAL-Anwendungen spielt der Datenschutz eine Rolle. Bereits während der Ideengenerierung und Konzeptentwicklung müssen Gesetze und Richtlinien eingehalten werden. Mit den Methoden zur Ideengenerierung sammelt man beispielsweise vertrauliche, persönliche Informationen über Beobachtungen, Tagebücher oder Fragebogen, deren Handhabung den Datenschutzrichtlinien unterliegt und der Einverständniserklärung der preisgebenden Personen bedarf. Dies beinhaltet eine explizite Löschung der personenbezogenen Daten nach einem vorab festgelegten Zeitraum. Bei manchen Living Labs gibt es außerdem in jedem Projekt einen Ansprechpartner zu den Themen des Datenschutzes und der Datenschutzbeauftragten des jeweiligen Bundeslandes wird involviert.

 

Ethische Aspekte

Trotz o.g. Datenschutzmaßnahmen kann es sein, dass Anwender Angst davor haben, dass eine AAL-Anwendung irgendwann für sie entscheidet und den Menschen zu dessen Sklaven macht.

 

Daher sind weitere Aspekte zu berücksichtigen, die ethische Gesichtspunkte von AAL betreffen, allerdings weniger in direktem Zusammenhang mit Living Labs. Es stellt sich zum Beispiel die Frage nach der Verantwortlichkeit: Wer übernimmt die Haftung, wenn ein eingesetztes System seine Funktionen nicht erfüllt? AAL-Anwendungen sind nicht nur in Notsituationen hilfreich, sondern unterstützen auch soziale Interaktion, doch alles auf einem virtuellen Niveau. Wie wird dann das menschliche Bedürfnis nach physikalischen Kontakten gestillt? Nicht zuletzt bleibt die Frage offen, wie marktreife AAL-Anwendungen finanziert werden, denn nicht jeder hat das Einkommen, um sich diese selbst leisten zu können.

 

Eine weitere besondere Rahmenbedingung bzw. Herausforderung ist die emotionale Situation der Betroffenen und der Angehörigen im AAL-Kontext. Sie hoffen auf Hilfe und sind dafür bereit umfangreiche persönliche und vertrauliche Informationen preiszugeben, könnten dies jedoch im Nachhinein bereuen. Man muss mit ihnen feinfühlig umgehen können und aufpassen, dass ihre Lage nicht ausgenutzt wird.

 

Wenn es sich um die Entwicklung medizinischer Anwendungen handelt, muss grundsätzlich die Ethikkommission hinzugezogen werden. In manchen Labs wird die Ethikkommission, auch wenn keine Pflicht besteht, zu Rate gezogen.

 

Senioren und Pflegebedürftige als Anwender

Während der Entwicklung von AAL-Anwendungen ist außerdem zu beachten, dass es sich um eine Anwendergruppe mit unterschiedlichen Bedürfnissen handelt. Da die Produkte und Dienstleitungen von allen genutzt werden können sollten, heißt das, sie müssen barrierefrei und universell gestaltet werden [6].

 

Eine weitere besondere Rahmenbedingung im AAL Kontext ist, dass die eigentlichen Endanwender, wie beispielsweise Demenzkranke, selbst nicht unbedingt die benötigten Informationen für die Forschung und Entwicklung beitragen können. Hier bleibt nur die Möglichkeit über das nahe Umfeld, also Angehörige, Pflegeexperten und Pflegepersonal die benötigten Informationen zu sammeln. AAL Living Labs können die direkt Betroffenen auch generell nur zur Evaluation einbinden. Allerdings stellt sich hierbei dir Frage, bei einer Einbindung zu einem so späten Zeitpunkt in der Entwicklung das Endprodukt später wirklich akzeptieren und damit auch umgehen können.

 

Motivation der Anwender zur Teilnahme

Um Anwender und Interessengruppen integrieren zu können, müssen sie gefunden und zur Teilnahme motiviert werden. Im Folgenden wird dargestellt, wie das die befragten Living Labs handhaben.

 

Als Begründung, warum die Anwender bei Tätigkeiten des Living Labs mitwirken möchten, werden diverse Motive genannt. Man kann sie mit ihrer Idee oder dem Nutzen des Projektes überzeugen oder ihre persönliche Betroffenheit oder Wertvorstellung treibt sie an. Andere sind an der Technik interessiert, zumindest in der Digitale-Media-Domäne, und möchten einen Beitrag zur Forschung leisten. Oder aber die partizipierenden Personen haben ein Problem und hoffen, dieses mit Hilfe des Living Labs zu lösen. Falls für die Teilnahme an einem Projekt eine Belohnung aussteht, kann diese alleine auch das Motiv darstellen. Für Senioren stellt die Teilnahme im Living Lab auch häufig eine Abwechslung dar und sie bekommen mehr Aufmerksamkeit als gewöhnlich, zum Beispiel, wenn Mitarbeiter eines Living Labs ihre Seniorentreffen besuchen. Am häufigsten stammen die Teilnehmer aus dem Netzwerk eines Living Labs oder wurden durch Ausschreibungen rekrutiert, und schließlich von der Idee und dem Nutzen zur Teilnahme überzeugt. Der Aufbau und die Pflege eines gesunden Netzwerks spielen folglich auch für die Akquise und darauffolgende Integration von Anwendern und Wissensträgern eine große Rolle.

 

Fazit

Die Nutzerintegration ist eine charakteristische Eigenschaft eines Living Labs und spielt besonders in AAL eine wichtige Rolle, da AAL-Anwendungen auf dem Markt nur erfolgreich sind, wenn sie den Anforderungen der Anwender gerecht werden. Um einen Markterfolg zu erzielen, sollten die Anwender deshalb von Anfang an mit den erfolgversprechendsten Vorgehen und Methoden in den Entwicklungsprozess integriert werden. Das heißt, schon bei der Ideengenerierung und Entwicklung von Anwendungsfällen sollten Anwender mit standardisierten Vorgehen und Methoden einbezogen werden. Ein solches Vorgehensmodell wurde in dem vorliegenden Wissensbaustein aufgezeigt. Dazugehörige Methoden für die geeignete Durchführung der Nutzereinbindung konnten bewertet und aufbereitet werden. Es wurde festgestellt, dass in den Living Labs kaum Standards und Vorgehensmodelle zur Ideengenerierung, Anwendungsfall-Erhebung und Entwicklung und der damit verbundenen Nutzerintegration angewendet werden. Doch scheint Interesse an dieser Thematik zu bestehen. Es wird in Zukunft interessant sein zu beobachten, ob die Zahl der Standards und Vorgehensmodelle steigt und wie diese Gestalt annehmen.

 

Literatur

[1] Kunze C, Holtmann C, Rosales B, Wolf P, Rashid A, Stork W.: FZI Living Lab AAL – Ganzheitliche partizipative Forschungsansätze für Ambient Assisted Living – Anwendungen. 3. Deutscher AAL-Kongress. Berlin (2010).
[2] Glende S, Nedopil C, Podtschaske B, Stahl M, Friesdorf W.: Nutzerabhängige Innovationsbarrieren im Bereich Altersgerechter Assistenzsysteme. Studie im Rahmen der AAL-Begleitforschung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, Abschlussbericht. (2011).
[3] Chesborough H.W.: Open Innovation – The new Imperative for creating and profiting from technology. Harvard Buisness School Press. Boston (2003).
[4] Gräfe G, Ag S, Kern W, Rammig F.-J.: Open Innovation und andere Organisationsformen für Innovationsprojekte im Vergleich – Ergebnisse einer qualitativen Studie zum Innovationsmanagement. Universität Paderborn C-LAB Report, Herausgegeben von Communication, 9(1), 1-26. (2010).
[5] Rost M, Brameshuber I.: Datenschutz in AAL-Systemen: Schutzziele und Anforderungen an ihre Umsetzung. 4. Deutscher AAL-Kongress, Berlin (2011).
[6] Wegge, K.-P.: Barrierefreie AAL Services – Nutzer mit besonderen Anforderungen. 2. Deutscher AAL-Kongress. Berlin (2009).

 


Autorin

Natalie Roell

Natalie Röll studierte Medizinische Informatik an der Universität Heidelberg und Hochschule Heilbronn. Seit 2010 arbeitet sie am Forschungszentrum Informatik in Karlsruhe. Schwerpunkt der Arbeit liegt hierbei in der Nutzereinbindung und Evaluation bei AAL-Systemen.

 


Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 17. April 2012 um 12:55 Uhr